Zum 30-jährigen Gedenken an den Mauerfall und zur Bedeutung des NEUEN DENKENS von Michail Gorbatschow

Tief bewegt überreichte ich Michail Gorbatschow den Gratulations- und Dankesbrief der Global Marshall Plan Initiative in der Bochumer Jahrhunderthalle im Juni 2007, den er unmittelbar nach dem Überreichen gelesen hat.

Klaudius Gansczyk überreichte Michail Gorbatschow ein Gratulations- und Dankschreiben der Global Marshall Plan Initiative in der Bochumer Jahrhunderthalle am 30.06.2007. Auf dem Foto hält Gorbatschow das Dankschreiben in der Hand.

Zum 30-jährigen Gedenken an den Mauerfall und die Beendigung des Kalten Krieges wendet sich der 88-jährige, sehr kranke Gorbatschow noch einmal mit großer Sorge um die Zukunft mit seinem „testamentarischen“ Buch „Was jetzt auf dem Spiel steht“ an die Weltöffentlichkeit und unterstreicht seine große Sorge dadurch, dass er gleich zu Beginn des Buches auf die renommierte, „Weltuntergangsuhr“ verweist:

http://weltuntergangsuhr.com/,

Als Aufgaben für das 21. Jahrhundert formuliert Gorbatschow:

Die großen Herausforderungen und Probleme der modernen Welt sind eng miteinander verflochten. Dabei stehen für mich zwei Bedrohungen im Zentrum. Beide könnten alle Bemühungen um menschenwürdiges Leben für heutige und zukünftige Generationen zunichte machen. Da ist zum einen die Gefahr eines neuen verheerenden Krieges mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Und zum anderen die einer weitreichenden Zerstörung unserer Lebensbedingungen als Folge der beschleunigten globalenKlimaerwärmung, die unleugbar vor allem menschengemacht ist.“ (S. 58)

Zur Lösung dieser gigantischen Zukunftsaufgaben hält Gorbatschow erneut ein NEUES DENKEN für erforderlich, das bereits zur Beendigung des Kalten Krieges entscheidend beigetragen hat. Nachfolgend eine Würdigung des NEUEN DENKENS:

Zum 30-jährigen Gedenken an den Mauerfall und die Beendigung des Kalten Krieges

– Michail Gorbatschows NEUES DENKEN –

Richard von Weizsäckers Amtszeit als sechster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland begann 1984, also als die „Weltuntergangsuhr“ (http://weltuntergangsuhr.com/) zuletzt die gefährliche Weltlage mit besorgniserregenden 3 Minuten vor 12 anzeigte. Ein Jahr später trat Michail Gorbatschow sein Amt alsGeneralsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) an und leitete das Ende des Kalten Krieges mit seiner Glasnost-Perestroika-Politik ein. Als Gorbatschow 1990 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, zeigte die Weltuntergangsuhr 10 Minuten vor 12 und am Ende seiner Präsidentschaft 1991 beruhigende 17 Minuten vor 12 an, wie noch nie seit 1947. Richard von Weizsäcker durfte als Bundespräsident die welthistorisch bedeutsamste friedliche Revolution miterleben, die in dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ zwischen Ost und West und in die Wiedervereinigung Deutschlands und in die Erweiterungen der Europäischen Union mündete. Im Rückblick aus dem Jahre 1997 führt er zu Gorbatschows Betreten der politischen Weltbühne aus:

Wir alle erinnern uns an sein erstes Auftreten. Jahrzehnte lang hatte zwischen Ost und West der Kalte Krieg geherrscht. Fast die ganze Welt war von dem ideologischen und machtpolitischen Konflikt der Systeme bedroht. Sie lebte unter der Furcht der gegeneinander gerichteten Vernichtungswaffen. In der konfrontativen Verblendung wurde die wachsende Interdependenz auf dem Globus verkannt. In der Sowjetunion hatte eine versteinerte Führung den letzten sinnlosen Gewaltakt getan, den Krieg in Afghanistan. Kurz darauf übernahm Gorbatschow das Ruder in seinem Reich. Sofort stellte er an sich selbst und an uns alle eine entscheidende Anforderung. Er tat es mit dem einfachsten und überzeugendsten Begriff, der sich vorstellen läßt: neues Denken. Fast überall hieß es zunächst, das sei nur ein neues Schlagwort. Aber mit der ihm eigenen Kraft des Willens, des Gedankens und der Tat und mit seinem großen Mut überzeugte er uns rasch vom Gegenteil.[1]

Zur Bedeutung von Gorbatschows „neuem Denken“ für einen globalen Bewusstseinswandel in Anbetracht der „wachsenden Interdependenz auf dem Globus“ hebt Richard von Weizsäcker hervor: „Im Sinne einer tieferen Wahrheit aber hat Gorbatschow mit seinem neuen Denken der ganzen Welt zu einer entscheidenden Entspannung und Bewußtseinsänderung verholfen“ und würdigt auch dessen politisches Handeln gemäß diesem „neuen Denken“:

Er handelte gemäß der von ihm erkannten dringenden Notwendigkeit, die Gewalt als Mittel der Politik einzudämmen, indem er sich nicht mit der allzuoft ergebnislos wiederholten allgemeinen Forderung nach Abrüstung begnügte, sondern selber mit einseitigen Vorleistungen der Abrüstung begann und damit den Westen unter Druck setzte. Und als dann über den jahrzehntealten Status quo des Kalten Krieges ein Erdrutsch hinwegging, für den es kein Beispiel in der Geschichte gab, hatte er den größten Mut zu beweisen und die schwerste Last zu tragen. Denn er war es, der dafür einstand, den friedlichen Verlauf der Umwälzungen zu sichern. Er ließ keine Gewaltaktionen durch sowjetische Truppen zu, wie wir sie vom Pekinger Tiananmen-Platz noch in schrecklicher Erinnerung hatten. Ihm sind der friedliche Verlauf der Revolution und die ebenso friedliche Vereinigung Deutschlands in der euroatlantischen Partnerschaft zu verdanken. So hatte er es nicht vorhergesehen und nicht angesteuert. Aber er schaffte es mit dem ihm eigenen Empfinden, nicht souverän, sondern verantwortliches Werkzeug einer unaufhaltsamen Geschichte zu sein. Im Angesicht der fundamentalen Verwerfungen unserer Zeit auf deren Höhe zu denken und zu handeln und sich dabei von hergebrachten Vorurteilen zu lösen, das hat er uns in Wort und Tat vorgemacht.“ [2]

Mahatma Gandhi – Carl Friedrich von Weizsäcker Michail Gorbatschow

Vor Gorbatschow hatte Mahatma Gandhi in herausragender Weise Gewalt als Mittel der Politik einzudämmen versucht und gezeigt, dass man politische Ziele gewaltlos erreichen kann, weshalb Carl Friedrich von Weizsäcker ihn als den bedeutendsten Menschen des 20. Jahrhunderts würdigte. [3] Der indische Philosoph Ram Adhar Mall zeigt im Band „Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert“ die Bedeutung von Gandhis Prinzip der Gewaltlosigkeit und dessen Wertschätzung der Vielfalt der Religionen und Kulturen für das Zusammenleben in einer globalisierten Welt und für eine Weltinnenpolitik auf. [4] Gorbatschow weist in seinem Buch „Das Neue Denken“ (1997), auf das sich Richard von Weizsäcker in seinem ZEIT-Artikel bezieht, zur engen Verschränkung des innenpolitischen mit dem weltpolitischen, die „Weltgemeinschaft“ einbeziehenden und dadurch friedensfördernden Denken auf Carl Friedrich von Weizsäckers „Weltinnenpolitik“ hin:

Jeder Staat und jede politische Kraft haben bei ihren innenpolitischen Entscheidungen auch die Bedürfnisse der Weltgemeinschaft, ihre Probleme und Sorgen ins Kalkül zu ziehen. Der große deutsche Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker hat nicht zufällig den Begriff  Weltinnenpolitik  in die Sprache der Wissenschaft eingeführt. Leider wird dieser neue Zusammenhang zwischen inneren und äußeren Angelegenheiten in der praktischen Politik der Staaten bei weitem noch nicht genügend beachtet.[5]

In seinem Grußschreiben anlässlich der Verleihung der Carl Friedrich von Weizsäcker Medaille am 30. Juni 2012 durch die Carl Friedrich von Weizsäcker Gesellschaft und Carl Friedrich von Weizsäcker Stiftung spürt der ehemalige sowjetische Staatschef die Beziehungen zwischen dem Verantwortungsbewusstsein und den Ideen des Physikers, Philosophen und geistigen Motors der „Göttinger Erklärung“ einerseits und den politischen Reformen in der ehemaligen Sowjetunion im Geiste des neuen Denkens andererseits auf:

Diese Auszeichnung zu erhalten ist für mich eine große Ehre, umso mehr, als sie zum ersten Mal verliehen wird. Dieses Ereignis findet an den Tagen statt, da der 100. Geburtstag des deutschen Wissenschaftlers gefeiert wird. Carl Friedrich von Weizsäcker war ein großer Physiker des zwanzigsten Jahrhunderts, und ein hervorragender Philosoph seiner Zeit. Doch nicht nur deswegen ist die Medaille, die seinen Namen trägt, für mich so wertvoll. Ich war tief beeindruckt, wie direkt und entschlossen er die Frage nach der Verantwortung eines Wissenschaftlers, eines Politikers, einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens für die Ergebnisse ihrer Tätigkeit gestellt hat. Als ich und meine Mitstreiter Mitte der 80er Jahre in der Sowjetunion tiefgreifende Reformen eingeleitet haben, die als Politik der Perestroika und Glasnost bekannt sind, sahen wir eine unserer Schlüsselaufgaben darin, die Politik mit der Moral zu verbinden. Meiner Ansicht nach bestehen da unmittelbare Anklänge an die Ideen von Carl Friedrich von Weizsäcker. Wir haben heute einen Anlass, an einen weiteren Jahrestag zu denken: Vor 55 Jahren, im Frühjahr 1957, haben bekannteste deutsche Physiker das Göttinger Manifest veröffentlicht. Seine Verfasser traten entschieden gegen atomare Wettrüstung auf. Sie ließen sich von der Sorge über die Zukunft ihres Landes, über die Zukunft unseres Planeten leiten. Sie ließen sich von den humanistischen Prinzipien und vom Gewissen der Wissenschaftler leiten. Davon ließen auch wir uns in den 80er Jahren leiten, als wir zusammen mit unseren westlichen Partnern reale Schritte auf dem Wege der Abrüstung machten und die Bedrohung der atomaren Katastrophe abwenden konnten.[6]

Gorbatschows Fortwirken auch nach dem Verlust der Macht

Michail Gorbatschow setzte nach seinem Machtverlust sein Engagement im Geiste des neuen Denkens in globaler Verantwortung zur Förderung eines friedlichen, gerechten und nachhaltigen planetarischen Zusammenlebens fort: So gründete er 1993 die Organisation  „Green Cross International“ http://www.gcint.org/, http://www.gcint.org/our-history , die sich dem ökologischen „Prinzip Nachhaltigkeit“ verschrieben hat, unterstützte 1997 die Menschenpflichtenerklärung des InterAction Councils ehemaliger Staats- und Regierungschefs als weltethische Grundlage für das Zusammenleben in der Vielfalt der Religionen und Kulturen ebenso wie 2000 die Erdcharta als ebenfalls globalethische, stärker nachhaltigkeitszentrierte Grundlage für das Zusammenleben nicht nur in kultureller, sondern auch biologischer Vielfalt http://www.earthcharterinaction.org/content/pages/What-is-the-Earth-Charter%3F.html. Im Jahre 2003 veröffentlichte er sein Buch „Mein Manifest für die Erde“ [7], das die im Untertitel aufgeführten drei fundamentalen Herausforderungen thematisiert: „Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft“. Die Analyse der miteinander verflochtenen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Krisen nach Beendigung des Kalten Krieges, deren Chancen nicht genutzt wurden, beendet er mit der Forderung:  „Für uns alle ist die Stunde gekommen, die Verantwortung für das Schicksal der Erde und ihre Zukunft zu übernehmen.“ [8] Zur Lösung der Krisen fordert Gorbatschow eine Reform der Vereinten Nationen mit ökologischen Vollmachten des Weltsicherheitsrats und einer Aufwertung des UNEP-Umweltprogramms zu einer vollwertigen Weltorganisation, eine Änderung der Mentalität der Konsumgesellschaft, das Einpreisen der Kosten für die Umweltschäden, eine Ökologisierung des Bewusstseins  durch Schulen, Universitäten und vor allem Medien [9] , die Vernichtung der Massenvernichtungswaffen,  die Förderung effektiver Technologien  für die Versorgung mit sauberem Trinkwasser zur Verhinderung von Konflikten um Wasser und – neben der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der UNO-Charta – als dritten Grundpfeiler für das planetarische Zusammenleben die Erdcharta für eine nachhaltige Entwicklung zur Ausbildung eines globalen ökologischen Bewusstseins, [10]   so dass sich insgesamt die Frage stellt, ob nicht eigentlich Gorbatschow als der bedeutendste Mensch des 20. Jahrhunderts gewürdigt werden müsste.

Auszug aus: Klaudius Gansczyk:  Engagiert euch: Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert, Berlin 2015, S. 16-20

[1] http://www.zeit.de/1997/34/Glasnost_und_Globalisierung/komplettansicht  letzter Aufruf am 30.3.2015

[2] http://www.zeit.de/1997/34/Glasnost_und_Globalisierung/komplettansicht  letzter Aufruf am 30.3.2015

[3] Siebe: Ulrich Bartosch/Klaudius Gansczyk (Hg): Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert, 3. Auflage, Hamburg 2009, S. 89

[4] Ram Adhar Mall: Gandhis Evangelium der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und die Probleme der heutigen Globalisierung, in: Ulrich Bartosch/Klaudius Gansczyk (Hg): Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert, 3. Auflage, Hamburg 2009, S. 89-124

[5] Michail Gorbatschow, Vadim Sagladin, Anatoli Tschernjajew, Das Neue Denken , München 1997,  S.118

[6] Aus dem Grußschreiben von Michail Gorbatschow anlässlich der Verleihung der Carl Friedrich von Weizsäcker Medaille am 30.Juni 2012 in Berlin durch die Carl Friedrich von Weizsäcker-Stiftung und die Carl Friedrich von Weizsäcker-Gesellschaft.

[7] Michail Gorbatschow: Mein Manifest für die Erde- Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft, Frankfurt/New York (Campus)2003

[8] Michail Gorbatschow: Mein Manifest für die Erde- Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft, Frankfurt/New York (Campus)2003, S.53

[9] Siehe Michail Gorbatschow: Mein Manifest für die Erde- Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft, Frankfurt/New York (Campus)2003, S.64-72

[10] Siehe Michail Gorbatschow: Mein Manifest für die Erde- Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft, Frankfurt/New York (Campus)2003, S.139

Zum 30-jährigen Gedenken an den Mauerfall und die Beendigung des Kalten Krieges

Klaudius Gansczyk, Philosoph, zum 9. November 2019

Geburtstagsglückwünsche an Michail Gorbatschow